Kausalität

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Kau|sa|li|tät 〈f. 20Ursächlichkeit, Zusammenhang von, Verhältnis zw. Ursache u. Wirkung

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Kau|sa|li|tät, die; -, -en [mlat. causalitas] (bildungsspr.):
kausaler Zusammenhang; Ursächlichkeit:
im Verhältnis der K. zueinander stehen.

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Kausalität
 
[mittellateinisch causalitas »Ursächlichkeit«] die, -/-en, Bezeichnung für das Bedingungsverhältnis von Ursache und Wirkung. Dabei sind Ursache und Wirkung korrelativ aufeinander bezogen: keine Ursache ohne Wirkung und keine Wirkung ohne Ursache. Das kausale Aufeinander-bezogen-Sein ist vom Logischen der Folgerung und vom Zeitlichen des Aufeinanderfolgens zu unterscheiden: Folgt B aus A im Sinne der Logik, so kann der empirische Gehalt von B nicht größer sein als derjenige von A (im Unterschied zum kausalen Bedingungsverhältnis); zwei zeitlich aufeinander folgende Ereignisse A und B können völlig unabhängig voneinander sein. Kausalität gibt Antworten auf die Frage »Warum?«; sie ist abzugrenzen gegen die Begriffe Zufall und Notwendigkeit. Die klassische Definition von »Ursache« (und damit von Kausalität) geht auf D. Hume zurück: »Eine Ursache ist ein Gegenstand, der einen anderen zur Folge hat, wobei alle dem ersten ähnliche Gegenstände solche, die dem zweiten ähnlich sind, zur Folge haben
 
Die ersten umfassenderen Untersuchungen über das Verhältnis der Kausalität finden sich bei Aristoteles im Rahmen seiner Analyse der vier (von der Scholastik später auf sechs erweiterten) Ursachearten (Causa). Für die weitere Diskussion wurde die Wirkursache (lateinisch causa efficiens) besonders wichtig. Sie ist es, die die neuzeitliche Naturwissenschaft zum universellen Erklärungsmodell (ganz deutlich etwa im Mechanismus) erhebt. Die anderen Ursachen, insbesondere die für die aristotelische Physik zentrale Zweckursache (lateinisch causa finalis), werden von der beginnenden Neuzeit als unwissenschaftlich verworfen. Das Kausalprinzip (»nichts geschieht ohne Ursache«), das als Anwendung des Satzes vom zureichenden Grund auf die Natur anzusehen ist, wird zum Leitgedanken der Naturwissenschaft, der seinerseits den Determinismus nahe legt. Daneben tritt als zweite wichtige Aussage das Kausalgesetz (»gleiche Ursachen zeitigen gleiche Wirkungen«), dessen Geltung alle Naturgesetze der klassische Physik voraussetzen (»Prinzip von der Verlässlichkeit der Natur«). Beide Prinzipien lassen sich sowohl ontologisch-realistisch - Kausalität ist etwas, das tatsächlich in der Natur stattfindet - als auch methodologisch-nominalistisch - Kausalität ist eine vom Beobachter gestiftete Gesetzmäßigkeit - interpretieren. Einen entscheidenden Schritt in die zweitgenannte Richtung leistete Hume mit seiner Kritik an Induktion und Kausalität. Nach seiner Ansicht lässt sich Kausalität nicht erfahrungsgemäß rechtfertigen, da sie selbst die Grundlage aller Erfahrung bildet. Ihre Wurzeln liegen vielmehr in der Gewohnheit. Diese lässt sich auch nicht, wie der Rationalismus meinte, theoretisch durch Verstandesprinzipien begründen. Die »Verlässlichkeit der Natur« ist vielmehr eine Art von Arbeitshypothese, die sich allerdings bewährt hat.
 
I. Kant hat den humeschen Gedanken aufgegriffen und ihm eine transzendentale Wendung gegeben: Kausalität ist eine Kategorie, ein reiner Verstandesbegriff, der nur auf Erscheinungen anwendbar ist und Erfahrung erst ermöglicht (»Bedingung der Möglichkeit von«). Demgegenüber hält der Materialismus (insbesondere der dialektische) an einer realistischen Interpretation der Kausalität fest.
 
Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden innerhalb der Physik im Rahmen der »statistischen« Thermodynamik streng kausale Aussagen zugunsten statistischer aufgegeben. Allerdings war damit noch keine Aufgabe des Kausalitätsprinzips verbunden: Die kausalen Verhältnisse (etwa zwischen den Molekülen eines Gases) lassen sich zwar wegen der ungeheuer großen Zahl der in die Betrachtung einzubeziehenden Teilchen nicht exakt erfassen, werden aber dennoch als existent angenommen. Tiefer greifende Umwälzungen im Verständnis von Kausalität brachten die Relativitätstheorie (Ereignisse können nur mit Ereignissen aus einem bestimmten Bereich des Raum-Zeit-Kontinuums kausal verknüpft sein und keineswegs mehr mit allen ihnen zeitlich vorangehenden, wie das die klassische Physik vorsah) und v. a. die Quantenmechanik. Letztere geht zwar noch davon aus, dass Wirkungen Ursachen haben. Aber es wird nicht mehr angenommen, dass Erstere aufgrund der Beobachtung von Letzteren immer vorhersagbar seien. So lässt sich durch Beobachtung eines radioaktiven Atomkerns prinzipiell nicht voraussagen, wann dieser zerfallen wird.
 
Auch in der modernen Mathematik im Rahmen der »Chaostheorie«, wo (kleine) Änderungen unvorhersehbare (große) Wirkungen hervorrufen können, muss das traditionelle Kausalitätsdenken aufgegeben werden. Die Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts hat den Kausalitätsbegriff mit Hilfsmitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Logik, der Sprachanalyse und der Handlungstheorie zu rekonstruieren versucht. Der wahrscheinlichkeitstheoretische Ansatz, der u. a. von P. Suppes vertreten wird, stellt den Begriff der bedingten Wahrscheinlichkeit in den Vordergrund. Das zeitlich spätere Ereignis W ist eine kausale Folge des früheren Ereignisses U, wenn die bedingte Wahrscheinlichkeit w (U |W ) größer ist als die absolute Wahrscheinlichkeit von W. Das Eintreten von U erhöht also die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten von W.
 
Handlungstheoretische Vorstellungen, die hauptsächlich auf G. H. von Wright zurückgehen, stellen dagegen den Vorgang des (absichtlichen) Verursachens - und damit wieder die aristotelische Zweckursache - in den Vordergrund. Kausalität ist Ausdruck eines Wissens um Bewirken- und Verfügenkönnen. In letzter Zeit wurde versucht, diese Auffassung mithilfe spieltheoretischer Begriffe zu präzisieren. Sprachanalytisch orientierte Untersuchungen stellen den Begriff der kausalen Erklärung, der seinerseits entweder nomologisch-deduktiv (Hempel-Oppenheim-Schema) oder statistisch aufgefasst wird, in den Vordergrund. Kausalität ergründen bedeutet dann, die Wahrheitsbedingungen solcher Erklärungen zu formulieren. Ein anderer Ansatzpunkt für sprachanalytische Forschungen ist die Definition von Kausalität mithilfe der kontrafaktischen Aussage »Wenn U nicht stattgefunden hätte, wäre auch W nicht geschehen« (zweite Kausalitätsdefinition von Hume).
 
Kausalität im Recht Verursachung.
 
 
H. Titze: Der Kausalbegriff in Philosophie u. Physik (1964);
 P. Suppes: A probabilistic theory of causality (Amsterdam 1970);
 R. Havemann: Dialektik ohne Dogma (74.-77. Tsd. 1977);
 
K. Neue Texte, hg. v. G. Posch (1981);
 W. Stegmüller: Probleme u. Resultate der Wiss.-Theorie u. analyt. Philosophie, Bd. 1 (21983);
 G. H. von Wright: Erklären u. Verstehen (a. d. Engl., 21984).

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Kau|sa|li|tät, die; -, -en [mlat. causalitas]: kausaler Zusammenhang; Ursächlichkeit: im Verhältnis der K. zueinander stehen; Mein Schicksal ist die Folge einer lückenlosen, einer automatischen Kette von -en (Andersch, Rote 125); zwischen dem Verhalten des Angeklagten und dem entstandenen Schaden besteht K. (Rechtsspr.; das Verhalten des Angeklagten hat zu dem Schaden geführt ).

Universal-Lexikon. 2012.

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